Trauer und Abschied

Es ist ein sonniger Tag

In mir ist es ganz still, schon seit dem Aufwachen.

Die Menschen eilen an mir vorbei; ich hab’s nicht eilig, ich fühle mich wie in Zeitlupe.

Die Allee ist ein guter Ort für mich und meine Stille, ich setze mich auf die Bank, der Strom der Eilenden reißt nicht ab, er fließt an mir vorbei … meine Stille lässt sich davon nicht beirren.

Langsam gehe ich meinem und dem Ziel der Eilenden entgegen.

Der Urnengarten riecht eigentümlich, ein beißender Verbrennungsgeruch liegt in der Luft.

Es wird mir bewusst, dass auch der Körper nicht spurlos verschwindet, nicht einmal, wenn er verbrannt wird.

Die Wiesenblumen des Urnengartens gaukeln eine Stimmung von Sommer, Freude und Ausgelassenheit vor, kein Anschein von Würde und Trauer.

Widersprüche überall:

die Eilenden, so als ob Du ihnen jetzt noch davonlaufen könntest …

in mir die Zeitlupenstille, im Außen die lärmende Eile …

„Urnen-garten“, der Garten, bei dem ich an fröhliche Feen, Lachen und Freunde denke

und die Urnen, das Sinnbild für Trennung, Schmerz und Trauer …

die Leichtigkeit verheißenden Wiesenblumen am Ort des größten Schmerzes …

Noch immer unbeirrbare Stille und Zeitlupe in mir, ich denke „danke, dass Du mich für diesen Tag aus allem rausgerissen hast, dass Du allen Lärm in mir ausgeschaltet hast, dass meine Wahrnehmung so verfeinert ist, dass ich selbst die Körnung der Steinstufen unter meinen Füßen wahrnehmen kann …“

Lange Menschenschlangen stehen vor Deinem Sarg, um sich ein letztes Mal von Dir zu verabschieden … ich bin zutiefst berührt, wieviele Menschen Du beeinflusst hast! Fast alle Deine Mitarbeiter sind da und ich kann jeden einzelnen – dem Du Vorbild und Förderer warst – erkennen; wie Du: aufrechter Gang, äußerst gepflegte Erscheinung, schneidende Bügelfalte, glänzende Schuhe, Emotion zeigend, aber nicht zu viel … in jedem Einzelnen kann ich Dich wiedererkennen!

Ich würde die hunderte glänzenden Herrenschuhe gerne fotografieren, sie erscheinen mir als Respektsbekundung.

Der Raum ist nicht nur mit den Anwesenden erfüllt, sondern es vibriert auch vor Schmerz, Trauer und Leid …

Ich denke meinen Abschied in Stille:

„Schade, dass ich nicht mehr Gelegenheit hatte, mit Euch zu sein, dennoch weiß ich,
was Du Deiner Frau bedeutet hast,
ich weiß, dass Du ein humorvoller Mensch warst, ich höre Dich noch lachen,
dass Du ein liebevoller Partner warst, ich fühle Eure Nähe,
dass Du der treueste Freund warst, den man sich wünschen kann,
dass Du der tatkräftigste Helfer warst, den man finden kann,
dass Du der großzügigste Stiefvater warst, den sich Kinder ersehen können
und jetzt, da ich Deine Mitarbeiter sehe – ich hab’s nicht anders erwartet – dass Du ein großartiger Vorgesetzter warst, der das Beste in Menschen zum Vorschein gebracht hat!“

Alles ist vorbei, der Sarg wurde bei „Time to say Goodbye“ abgesenkt, der Körper verbrannt, aufschreien …

Die Eilenden eilen aus der Halle … ich bin noch immer ganz still und in Zeitlupe … trete ins Freie und: es regnet!

ES REGNET!

Es erfüllt mich mit tiefer, stiller Freude, dass es JETZT regnet!

Das ist angemessen, das ist würdig und recht! Du bist mit 41 Jahren gegangen, der Himmel weint mit uns, der Regen ist seine letzte Ehrerbietung!

An diesem sonnigen Tag ein Regenschauer als Reverenz für Dich!

Ein Artikel von Jana Thann

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    Ort: Zentrum Sabine Eichinger