Was ist Spiritualität?
Artikel von Mag. Claudia Dieckmann
Was ist Spiritualität?
Heute möchte ich hier Wissen teilen, um die Masse der Wellen der Oberfläche und Selbstlüge etwas zu dämpfen bei jenen, die sich die Mühe machen zu lesen:
Nachdem ja alle so spirituell sind, einige wichtige Informationen zu diesem Thema:
Was Spiritualität ursprünglich bedeutet – und was daraus gemacht wurde
Das Wort Spiritualität ist jung. Die Sache, die es beschreibt, ist uralt.
Spiritualität stammt nicht aus Indien, auch wenn heute vieles so wirkt.
Das Wort kommt aus dem Lateinischen.
Ursprung ist spiritus. Spiritus bedeutet: Atem, Hauch, Lebenskraft, belebendes Prinzip.
Das dazugehörige Verb spirare heißt: atmen.
Spiritualität bedeutete ursprünglich nichts Abgehobenes oder gar zu Belächelndes.
Sie meinte das, was den Menschen innerlich belebt, ordnet und trägt.
Das hat nichts mit Gefühl, Fantasie oder Weltflucht zu tun.
Im antiken und frühchristlichen Europa bezeichnete Spiritualität die Ausrichtung des Menschen auf das Wesentliche, auf das, was ihn innerlich führt. Der Gegensatz war nicht „körperlich“, sondern triebhaft, ungeordnet, zerstreut.
Der erste klare Gebrauch von spiritualitas findet sich in der frühchristlichen Theologie, besonders bei Denkern wie Augustinus von Hippo.
Spiritualis war der Mensch, der vom Geist geführt ist – nicht vom Affekt, nicht vom Ego, nicht vom äußeren Druck.
Spiritualität war Charakterdisziplin. Geistige Führung. Innere Ordnung.
Und Indien?
In Indien gab es lange kein Wort, das exakt „Spiritualität“ entspricht.
Was wir heute so nennen, wurde dort anders gefasst:
Yoga
Dharma
Tapas
Buddhi
Viveka
Das sind keine Gefühle, sondern Fähigkeiten:
Unterscheidung
Selbstführung
Disziplin
Erkenntnis
Der Yogi ist kein Träumer.
Er ist jemand, der seinen Geist beherrscht.
Wenn heute indische Lehren als „spirituell“ bezeichnet werden, ist das eine westliche Übersetzung, kein ursprünglicher Begriff.
Man hat europäische Begriffe unerlaubt über indische Systeme gelegt – noch dazu oft unpräzise.
Was Spiritualität in Europa war – bevor sie Mode wurde
Bis weit ins Mittelalter hinein war Spiritualität kein Wohlfühlkonzept.
Sie bedeutete: innere Führung, Selbstüberwindung, Charakterbildung, Ausrichtung des Willens.
Ein spiritueller Mensch war nicht sensibel, sondern standfest, nicht emotional, sondern geordnet.
Nicht besonders, sondern verantwortlich.
Er konnte verzichten, vor allem konnte er schweigen.
Er konnte dienen, ohne sich zu verlieren.
Der Bruch
Erst im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert wurde Spiritualität psychologisiert.
Gefühl ersetzte Führung. Erleben ersetzte Übung und Wohlbefinden ersetzte Wahrheit.
Spiritualität wurde von Selbstführung zu Selbstbeschäftigung.
Von Charakter zu Stimmung. Von Ordnung zu Erlebnis.
Erschreckenderweise steht heute Spiritualität oft für alles, was sich gut anfühlt und nichts fordert.
Das ist historisch und inhaltlich völlig falsch.
Die klare Definition
Spiritualität bedeutet ursprünglich:
Ausrichtung des Menschen auf das, was ihn innerlich führt. Schulung des Geistes.
Ordnung des Willens. Verantwortung für das eigene Leben.
Nicht Rückzug. Nicht Gefühl. Nicht Fantasie.
Sondern Führung von innen.
Und genau deshalb ist echte Spiritualität unbequem.
Sie verlangt Disziplin.
Sie verlangt Wahrheit.
Sie verlangt Charakter.
Alles andere ist Mode.



