Ein Artikel von Jana Thann.

Ob wir mehr eine Annehmer- oder eine Ablehnerpersönlichkeit sind, hängt davon ab, ob die Lust- oder Schmerz-Erfahrung in unserer frühesten Kindheit überwogen hat.

Für den Säugling, der von den Bezugspersonen in seiner Versorgung abhängig ist, richtet sich ein wichtiger Teil seines Lebens nach Lust und Schmerz aus.

Lust wird gesucht, Schmerz wird vermieden.

Da Lust und Schmerz aber oft gemeinsam auftreten, entstehen aus diesen Erfahrungen sogenannte Prägungen oder Programme.

Z.B. „Immer wenn die Windel nass ist, bedeutet das Unwohlsein („Schmerz“).“

Daraus kann eine der folgenden Prägungen entstehen:

  • „Immer wenn ich Unwohlsein empfinde, schreie ich und mein „Leid“ wird behoben.
    Es gibt jemanden, der mein Leid lindert.
    Von diesem „Jemand“ bin ich abhängig, weil er mir durch die Erlösung aus dem „Schmerz“ Lust bereitet.“ (Annehmerpersönlichkeit)
  • „Immer wenn ich Unwohlsein empfinde, schreie ich und es hilft nichts.
    Es gibt niemanden, der mein Leid behebt.
    Ich bin hilflos und allein.“ (Ablehnerpersönlichkeit)

Keiner macht nur die eine oder die andere Erfahrung. In welche Richtung wir uns entwickeln, hängt von der Häufigkeit der „Schmerz-“ und „Lust-Erfahrungen“ ab, aber auch von unserer „Veranlagung“.

Die Annehmerpersönlichkeit

„Annehmer“ beziehen einen großen Teil ihres Selbstbildes aus ihren Beziehungen.
Sie brauchen Beziehungen, weil sie darauf „geprägt“ sind, von anderen abhängig zu sein.
Liebe definiert sich durch das Ertragen von Schmerz.
Und für Liebe sind sie bereit, nahezu jeden Schmerz auszuhalten.
Märtyrer und Altruisten sind Annehmerpersönlichkeiten.
Annehmerpersönlichkeiten verfallen in Depression, wenn sie verlassen werden oder der geliebte Mensch stirbt.
Sie lassen sich Demütigungen und Gewalt oft in unerträglichem Ausmaß gefallen.
Und manchmal scheint es, als ob Liebe, die nicht mit Schmerz verbunden ist, nichts wert ist.
Unnötig zu sagen, dass „Anhaften“ eine der herausragenden Eigenschaften von Annehmerpersönlichkeiten ist.
Sie vertrauen, weil sie vertrauen müssen.
Sie brauchen den anderen und können daher gar nicht anders, als manchmal über Gebühr gutgläubig und vertrauensvoll zu sein.
Annehmerpersönlichkeiten nutzen ihr Urteils- und Unterscheidungsvermögen nicht ausreichend, sondern verlassen sich lieber auf ihr Gefühl.

Die Ablehnerpersönlichkeit

Ablehner leben nach dem Motto „Ich brauche niemanden.“ oder „Ich muss alles selbst machen, weil es sonst niemanden gibt, der es (gut genug) macht.“
Sie sind nicht in der Lage „wirklich“ in Beziehung zu treten, weil sie darauf geprägt sind, dass der „Preis“ (Schmerz) für Beziehungen zu teuer ist oder Beziehung nicht existiert („… ich bin allein“).
Sie haben aufgehört, nach Liebe zu suchen oder definieren Liebe über die mentale Ebene.
Sie sind nicht bereit, „Schmerz“ für eine Beziehung in Kauf zu nehmen.
Wenn es unbequem wird, gehen sie (… was dann scheinbar ihre Sichtweise bestätigt, dass sie ohnedies allein sind).
Perfektionismus, Kritiksucht, „alles selber machen müssen“ sind Eigenschaften von Ablehnerpersönlichkeiten.
Ablehnerpersönlichkeiten verkraften das Ende einer Beziehung leichter, weil sie ohnedies nicht in tiefer Beziehung waren, auch in Beziehung schon alleine waren.
Unnötig zu sagen, dass „Nicht Vertrauen“ eine der herausragenden Eigenschaften von Ablehnerpersönlichkeiten ist.
Sie vertrauen nicht, weil sie Vertrauen nie gelernt haben.
Sie brauchen niemanden, weil sie gelernt haben, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen können.
Sie können daher gar nicht anders, als mißtrauisch zu sein.
Ablehnerpersönlichkeiten urteilen und unterscheiden messerscharf und neigen zu Kritiksucht (… weil es ihnen ja niemand recht machen kann …).
Sie verlassen sich auf ihr Urteils- und Unterscheidungsvermögen, auf ihren Verstand, auch wenn das Gefühl (so sie es überhaupt wahrnehmen) etwas anderes sagt.

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Dan Casriel, ein amerikanischer Psychiater und Psychotherapeut der 70er – Jahre, nennt in seinem lesenswerten Buch

„Wiederentdeckung der Gefühle – Einen Schrei vom Glück entfernt“

zwei Persönlichkeitstypen:

  • Annehmer
  • Ablehner

Ja, wieder eine psychologische „Klassifizierung“ …
Aber wie bei allen „Typzuordnungen“ ist kein Mensch nur das eine oder nur das andere, jeder hat wohl Anteile von beidem in sich.
Ich finde diese Zuordnungen hilfreich, weil sie persönliche Eigenschaften komprimiert darstellen und dadurch das Erkennen jener Anteile, die man selbst in sich trägt, erleichtern.

Was ich hier wiedergegeben habe, sind meine Erkenntnisse aus Dan Casriel’s Buch gefolgt von meinen Erfahrungen und Überlegungen, nicht seine Interpretationen.

Mehr über Persönlichkeiten und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit oder das Überwinden von negativen Gefühlen lernen Sie unter anderem im Lehrgang LIN, dem Lehrgang LOA oder in Einzelsitzungen im Institut für Energiearbeit.

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Auch wenn wir die männliche Form verwenden, beziehen wir uns auf alle Wesen, gleich welchen Geschlechts, ebenso wie sich unsere Artikel an alle Wesen, unabhängig von Herkunft, Glauben oder Hautfarbe, richten.